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6. Klasse- Wandertag, 1958

Es war ein wunderschöner Herbsttag und unsere Klasse traf sich zu 8 Uhr am S- Bahnhof, um in die Müggelberge zu fahren.  An den Wandertagen  gings immer raus in die Natur.

Es wurde mit der Zeit schon 8.30 Uhr und der Klassenlehrer, der immer sehr pünktlich war, noch nicht am Treffpunkt. Da immer eine zweite Aufsichtsperson dabei sein sollte, kam auch meistens meine Mutter mit.

Um 8.45 Uhr kam es meiner Mutter komisch vor, daß der Klassenlehrer immer noch nicht da war und sah fragend uns Schüler an, bis wir endlich mit der Sprache raus kamen, daß wir eigentlich in die Schule gemußt hätten, denn am Vortag vermißte eine Schülerin ihren Füllfederhalter in der Schule und behauptete steif und fest, der wurde ihr geklaut. (das war ein West-Füller)

Unser Klassenlehrer wollte nun, daß dieser Füller bis zum Schulschluß an sie, ohne viel Aufsehens, zurückgegeben wird, aber es tat sich nichts. Daraufhin beschloß er, den Wandertag ausfallen zu lassen. Wir aber glaubten nicht  an seinen Entschluß.

Meine Mutter ging zur Mitschülerin, die auch etwas abseits stand und unterhielt sich mit ihr, dann drehte sie sich zum großen Schüler-Pulk um und sagte uns, daß der Füllfederhalter zu Hause bei der Klassenkameradin auf dem Küchentisch liegengeblieben ist.

Da ja eindeutig nichts gestohlen wurde, bettelten wir meine Mutter, daß sie mit uns nun endlich in den Wald fährt. Sie hatte zwar Bedenken, aber ermahnte uns eindringlich, daß wir  alle auf sie hören sollten.

Wir Kinder tobten freudig und ausgelassen im Walddickicht und meine Mutter bastelte auch mit einigen Mädchen und Jungen  Schärpen aus Eichenblättern, die sie stoz trugen.

Um 17 Uhr rief sie alle Kinder zu sich, aber ein Mädchen kam nicht aus dem Waldstück heraus. Nach 20 min Suchaktion aller Schüler, konnten wir sie wieder in die Arme schließen. Sie hatte sich im dichten Unterholz verbiestert und fand nicht gleich unseren Rastplatz wieder.

Mutters Unruhe deshalb, verging langsam und nach einer Ermahnung, auch wieder ordentlich-diszipliniert und ruhig die Rückfahrt in Bus und S-Bahn über die Bühne zu bringen, machten wir uns auf den Heimweg, denn es wurde schon langsam schummrig und gegen 19 Uhr waren wir dann wieder daheim.

Am nächsten Tag gabs natürlich Ärger. In der Schule wartete der Klassenlehrer auf seine Schüler mit einer Standpauke, denn wir hätten am Wandertag in die Schule kommen müssen und meine Mutter mußte zur Aussprache zur Schulleitung.

3 Kommentare zu “6. Klasse- Wandertag, 1958

  1. Hallo Brigitte,
    da war deine Mutter aber richtig mutig. Ich habe mich am Anfang gewundert, dass du dich an so ein Ereignis noch so genau erinnern kannst, aber darüber hast du mit deiner Mutter auch sicher öfter gesprochen.
    Lieben Gruß und Gute Nacht –
    Elke

  2. Das hat Deine Mam sich getraut? In der heutigen Zeit unvorstellbar, da würde die Polizei gleich Suchaktionen starten, wenn die Kinder in der Schule nicht auftauchen. Das war ganz schön mutig, hattes es Konsequenzen?
    Danke für diese nette Erinnerung, liebe Grüße von Kerstin.

  3. @Kerstin, nein, keine schlimmen für meine Mutter.
    Der Schulklasse, allen Schülern, konnte man ja keinen Tadel geben und meine Mutter war von der 1. bis zur 10. Klasse bei unseren außerschulischen Veranstaltungen ja meistens immer dabei. Sie war im Elternaktiv der Klasse die Vorsitzende und im Elternbeirat.
    Die Schüler kannten sie und meine Mutter hatte immer einen guten Draht zu ihnen.
    Die Aussprache im Lehrerzimmer war eben halt nochmal wegen der Aufsichtspflicht als Nicht-Lehrerin allein mit den Kindern und vor allem, daß wir hätten der Aufforderung zur Schule zu kommen, folgen müssen und nicht, daß meine Mutter mit uns rausgefahren ist. Da wurde der pädagogische Aspekt diskutiert.

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